13. Oktober bis 1. Dezember
Ines Doujak
Siegesgärten
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™ Biopiraterie / äußere und innere Landnahme
Politische und soziale Herrschaft bediente sich immer schon der Kontrolle über Wasser, Nahrungsmittel und Land. Die Aneignung von Natur und das Wissen um deren Nutzung werden gegenwärtig durch transnationale Konzerne betrieben und als Biopiraterie bezeichnet. Das bedeutet, dass genetische oder biologische Ressourcen patentiert und genutzt werden ohne die Zustimmung und finanzielle Entschädigung des Herkunftslandes, der lokalen Gemeinschaften oder der indigenen Völker, die die Ressourcen bisher pflegten und verwendeten.
Die Biopiraterie konzentriert sich auf die, wegen ihres außerordentlich hohen Niveaus an kultureller und biologischer Vielfalt, „Mega-Diversitäts“-Länder Mexiko, Indien, Brasilien, Indonesien und Australien.
Die Erschließung und der Zugang zu billigen, fossilen wie biologischen Rohstoffen, sowie die fortschreitende Kapitalisierung noch nicht unmittelbar monetär verwerteter gesellschaftlicher Bereiche sind bestimmte Merkmale des Fordismus. Dieser Prozess wird auch als „innere Landnahme“, in Analogie zu der „äußeren Landnahme“ des Kolonialismus, bezeichnet und eröffnet, wie diese, neuartige Expansionschancen für das Kapital.
Biodiversität wird von einer Summe von Faktoren bedroht, zu denen die genetische Kontamination durch Verwendung genetisch modifizierter Pflanzen, der Handel mit bedrohten Arten und das Verschwinden traditioneller Kulturen gehören. Monokulturen sind eine wesentliche Komponente der Globalisierung und stets mit politischer Gewalt verbunden.
Systematischer, jedoch genauso wenig legal, ist die Biopiraterie die in den botanischen Gärten des Nordens vonstatten geht. Unter dem Vorwand der wissenschaftlichen Recherchen für Sammlungszwecke, angeblich zum Nutzen der Menschheit, gelangen tausende Muster aus dem Süden in die Labore multinationaler Konzerne. In vielen Fällen werden diese Teil des kommerziellen Repertoires von Konzernen wie Pfizer, Merck, Phytera, Monsanto und Pharmacia.
™ Biodiversität (biologische Vielfalt)
Etwa 90 % der verbleibenden Biodiversität der Welt befinden sich in tropischen und subtropischen Regionen, zumeist auf der südlichen Hemisphäre.
Biodiversität wird von einer Summe von Faktoren bedroht, zu denen globale Erwärmung (CO2-Emission), hemmungsloser industrieller Holzeinschlag, Versteppung, Erdölgewinnung, Bergbau, genetische Kontamination (durch Verwendung genetisch modifizierter Pflanzen), der Handel mit bedrohten Arten und das Verschwinden traditioneller Kulturen gehören.
Der Verlust an Biodiversität hat zwar weltweite Bedeutung, am schwersten sind jedoch die indigenen und dörflichen Gemeinschaften betroffen, deren Lebensgrundlagen und Okonomien davon abhängen. Das Verschwinden indigener Kulturen bedeutet zugleich den Verlust kultureller Reichtums der Menschheit sowie den verlust traditionellen Wissens, das für eine nachhaltige Nutzung von Biodiversität erforderlich ist.
Um das Jahr 1900 wurden in der Welt schätzungsweise 10.000 Sprachen gesprochen, von denen bis heute nur ca. 6.700 überlebt haben. Anthropologen sagen voraus, dass 90 % der Sprachen, die zur Zeit gesprochen werden, im Jahr 2099 verloren gegangen sein werden.
Als Ergebnis dieser kulturellen Erosion werden Mitte des 21. Jahrhunderts nahezu alle Ökosysteme der Welt von Völkern bewohnt sein, denen die indigene Sprache fehlt, um die verbleibende Diversität zu schützen und zu nutzen.
™ Chinesische Heilpflanzen / Nano-Ebene (China)
Yang Mengjun hat 446 Patente auf traditionelle chinesische Heilpflanzen auf der Nano-Ebene angemeldet.
Die Pflanzen werden einfach zu feinem Puder mit Partikeln kleiner al 100 Nanometer (ein Nanometer = ein Milliardstel eines Meters) zermahlen.
Yang sicherte sich Monopol-Patente auf Rinden, Wurzeln, Früchte und Blätter, die seit ewigen Zeiten in der chinesischen Medizin benutzt werden. Er ist damit der Inhaber der meisten Nano-Patente der Welt.
Nano-Technologie manipuliert Materie auf der Ebene von Atomen und Molekülen, den Bausteinen der gesamten natürlichen Welt, und bietet somit neue Möglichkeiten der Kontrolle durch Monopole – nicht nur über höhere Lebensformen – sondern über die Natur an sich.
Mit dem Anstieg der nano-skalierten Technologie gehen weit reichende Patentansprüche einher; nicht nur auf DNA, sondern auch auf die Atome und Moleküle, aus denen die DNA besteht,
™ Das Hausschwein (sus scrofa domestica)
In einem Antrag (WO 2005/015989) beschreibt Monsanto sehr allgemine Methoden der Kreuzung und Selektion mit Hilfe künstlicher Befruchtung und anderer bereits erprobter Züchtungsmethoden. Bei der „Erfindung“ handelt es sich lediglich um eine bestimmte Kombination dieser Elemente, die den Fortpflanzungszyklus für ausgewählte Eigenschaften beschleinigen soll, um die Tiere kommerziell profitabler zu machen. Monsanto geht es nicht nur um das Patent für die Methode, sondern um das Patent auf die Schweine, die mit dieser Methode gezüchtet werden.
Patentantrag (WO 2005/017204) bezieht sich auf Schweine, in denen eine mit schnellerem Wachstum verbundene Gensequenz entdeckt wurde. Es handelt sich dabei um die Varianten einer natürlich vorkommenden Sequenz. Monsanto will diese Entdeckung nutzen, um Schweinebestände auf Tiere zu untersuchen, die pro Kilo Schweinefutter (natürlich das eigene gentechnisch hergestellte Monsanto-Futter auf der Basis des eigenen gentechnisch hergestellten Monsanto-Samens, gewachsen auf Feldern, die mit dem Monsanto-Roundup-Ready-Unkrautvertilgungsmittel und Monsanto-Pestiziden eingesprüht wurden) mehr Fleisch produzieren.
Beispiele weiterer Patentanträge: *Anspruch 16: “Die Nachkommen von Schweinen, produziert nach einer Methode …“, *Anspruch 17: „Schweineherden mit erhöhtem Vorkommen eines spezifischen Gens …“, *Anspruch 23: „Einen Schweinebestand produziert nach einer Methode …“, *Anspruch 30: „Eine Schweineherde produziert nach einer Methode …“
Das könnte heißen, dass Schweine, ihre Nachkommen und die Verwendung der genetischen Information für ihre Züchtung komplett in der Hand von Monsanto liegen würden und jegliche Replikation oder Verletzung ihres Patents Gebühren oder gar Gefängnisstrafen nach sich zieht.
™ Zelllinie (von T-Lymphocyten)
John Moore ist der erste teilweise patentierte Mensch.
1076 lässt sich der leukämiekranke Mann seine durch den Blutkrebs angeschwollene Milz herausnehmen. Sein Arzt findet in dem kranken Organ Lymphozyten (weiße Blutkörperchen), die außergewöhnliche Immunstoffe produzieren und lässt sich diese patentieren.
Wenig später verkauft er das Patent für rund 35 Millionen Euro an eine Biotech-Firma. Moore klagte gegen das Patentamt und forderte Gewinnbeteiligung.
Der oberste US-Gerichtshof entschied indes, dass es kein Recht des Menschen auf se9n eigenes Körpergewebe gäbe, denn dies würde den wissenschaftlichen Fortschritt behindern.
Inzwischen wird ein Medikament vertrieben, das sich die krebshemmende Wirkung von Moores Milzzellen zunutze macht.
Der Handel mit Medikamenten auf der Basis von menschlichen Genfunktionen bringt den beteiligten Firmen pro Jahr mehrere hundert Millionen Dollar ein.
™ Pau Brasil (Caesalpinia echinata) Brasilien
Die Biopiraterie im Amazonasgebiet fing fast unmittelbar nach dessen “Entdeckung” im Jahre 1500 durch die Portugiesen an – als diese von den indigenen Völkern der Region das Geheimnis stahlen, wie man ein rotes Pigment aus Pau Brasil (Brasil-Holz) extrahiert. Dieses wurde als Färbemittel für stark gefragte Luxustextilien wie Samt benutzt. Das hochprofitable Monopol der portugiesischen Krone veranlasste andere Nationen dazu, das Holz aus Brasilien zu schmuggeln.
Der erfolglose versuch einer französischen Expedition unter der Leitung von Nicolas Durand de Villegaignon, Vizeadmiral der Bretagne, im Jahre 1555 eine Kolonie im heutigen Rio de Janeiro zu gründen, war teilweise durch die hohen Prämien motiviert, die die wirtschaftliche Verwertung des Brasil-Holzes brachte. Die exzessive Ausbeutung (man schätzt, dass in den letzten beiden Jahrhunderten mehr als 50 Millionen Bäume zerstört wurden) führte schließlich zu einem starken Rückgang des Brasil-Holzbestandes im 18. Jahrhundert und damit zum Zusammenbruch dieses Wirtschaftszweigs.
Die Tatsache, dass das Holz, das Brasilien seinen Namen gab, dort nicht mehr vorkommt – nur noch in einigen botanischen Gärten des Nordens wurden ein paar Bäume konserviert – ist beispielhaft für die heutige Situation, in der Flora und Fauna weiterhin verschwinden.
™ Mais (Zea mays) Mexiko
Schon vor 5.000 Jahren war Mais die zentrale Nahrungsgrundlage für Inkas, Mayas uns Azteken und gehört noch heute zu den wichtigsten Nutzpflanzen der Erde. Nach den Schöpfungsmythos des Mayas haben die Götter die ersten Menschen aus gelbem und weißem Mais geschaffen. Kolumbus brachte den Mais nach Europa, von wo aus er in die Welt verbreitet wurde.
2000 erhielt die US-amerikanische Firma DuPont vom Europäischen Patentamt (EPA) das Patent EP 744888, das alle Maispflanzen umfasst, die einen bestimmten Anteil Öl und Ölsäure überschreiten. Dabei geht es nicht um gentechnisch veränderten Mais, sondern um den Ölgehalt von natürlichem oder konventionell gezüchtetem Mais. DuPont beansprucht auch die gesamte Produktkette – Lebensmittel wie Speiseöl, Tierfutter und für die industrielle Verwendung verarbeiteter Mais.
Der Patentschutz ist nicht an eine bestimmte Produktionsweise gebunden. Entscheidend ist nur der höhere Ölgehalt, unabhängig von der Art und Weise der Herstellung des Mais. Damit steckt der Konzern einen sehr weiten bereich ab, der ihm auch Rechtsansprüche auf eventuell noch gar nicht bekannte Maispflanzen und Nutzungsmöglichkeiten sichert. Reklamiert wird auch die normale Kreuzung und Selektion von Maispflanzen, um einen höheren Ölgehalt zu erzielen: Anbau, Bestäubung und der Gewinn der Ernte im Rahmen der konventionellen Züchtung sind patentiert. Zudem beinhaltet das Patent auch Pflanzensorten (d. h. kommerziell handelbares Saatgut), die laut Patentgesetz nicht patentiert werden dürfen.
Sollte das Patent in dieser Form aufrecht erhalten werden, verfügt DuPont über ein Monopol. Bauern weltweit können dies in Form von Handelsbeschränkungen, Lizenzgebühren und dem Verlust von Vermarktungsrechten zu spüren bekommen.
Das DuPont-Patent auf Mais mit erhöhtem Ölgehalt wurde 2003 in Europa widerrufen, hat aber in den USA weiterhin Gültigkeit.
